Axel Rudi Pell

Sign Of The Times

Gitarrenvirtuose, Hard-Rock- und Heavy-Metal-Legende, Workaholic – Axel Rudi Pell ist vieles. Vor allem ist er aber am Boden geblieben und macht 2020 auch nach mehr als 30 Jahren im Musikgeschäft einfach weiter sein Ding: facettenreichen Metal, der von riffgeladenen Brettern über melodieverliebten Rock bis hin zu gefühlvollen Powerballaden reicht.

Die Zahlen sprechen für sich: Über 1.7 Millionen verkaufte Alben weltweit, allein 2.6 Millionen Streams für den Top 10-Vorgänger »Knights Call« (2018). Jetzt veröffentlicht Axel Rudi Pell mit »Sign Of The Times« sein 18. (!) Studioalbum in 31 Jahren. Aber nicht die Quantität, sondern die Qualität ist entscheidend. Seine Beständigkeit erfährt eine immer höhere Wertschätzung in der weltweiten Hard & Heavy Community. Denn nicht immer, aber immer öfter fällt der Begriff »Kult«, wenn von Axel Rudi Pell die Rede ist. Er selbst kann mit dem Begriff nicht viel anfangen, »aber wenn man so lange so erfolgreich dabei ist, dann hat man sich so etwas vielleicht auch verdient.« Das klingt nicht nur bodenständig, sondern ist auch so gemeint.

»Als wir letztes Jahr in Moskau spielten, nannten mich viele Fans eine ›Legende‹. Meine Antwort war: Ich bin doch nur ein Gitarrist.« Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn der 59-Jährige weiß, was er kann und überrascht sich trotzdem noch selbst, wie im Fall von »Sign Of The Times«. »Ich weiß nicht, woran es liegt, aber dieses Mal war ich mit dem Komponieren einen Monat früher fertig als geplant.« Und es gab noch eine andere Änderung: Pell hat zum ersten Mal seit neun Alben aus Zeitgründen nicht mit seinem gewohnten Co-Produzenten Charlie Bauerfeind, sondern mit dem Engineer der Live-Alben »Magic Moments« (2015) und »XXX Anniversary« (2019) zusammengearbeitet: »Ich wusste, dass Tommy Geiger das kann, und es hat alles hervorragend geklappt.«

Wesentlichen Anteil daran, dass »Sign Of The Times« so gut geworden ist, hatten sicherlich auch die beiden Amerikaner in der Band: Sänger Johnny Gioeli und Drummer Bobby Rondinelli. »Zum einen hat sich Johnny diesmal selbst übertroffen, er hat mehr als 100 Prozent gegeben. Das liegt an seiner gestiegenen Live-Präsenz der letzten Jahre, er singt mittlerweile sehr viel. Zum anderen hatten wir mit Bobby in der Band noch nie einen so guten Drum-Sound, auch dank seiner neuen Snare namens ›Black Beauty‹. Und natürlich sind die Songs besser geworden, haha.«

Dem mag man nicht widersprechen: Mit dem Double Bass-Klopfer »Gunfire« liefert Pell den wohl besten Opener der letzten fünfzehn Jahre ab; »Bad Reputation« ist ein straightes Melodic Rock-Juwel; das beim Soundcheck entstandene Titelstück kommt gewohnt episch daher; der Up Tempo-Rocker »The End Of The Line« besticht mit seinem langen und trotzdem eingängigen Chorus genauso wie die Ballade »As Blind As A Fool Can Be«. Interessant wird es in der zweiten Hälfte des Albums, denn hier bricht Pell einige Male aus seiner eigenen Tradition aus: »Wings Of The Storm« ist eine moderne Hommage an die Coverdale/Hughes-Ära von Deep Purple, als hätte sie Jimi Hendrix eingespielt. Das intensive »Waiting For Your Call« markiert die beste Gesangsleistung von Gioeli, während »Living In A Dream« mit seinem Reggae-(!)Intro nicht nur die anderen Bandkollegen Volker Krawzcak (b) und Ferdy Doernberg (k) überrascht hat. »Into The Fire« schließlich beendet episch, aber nicht zu ausufernd das Album.

Überlange Songs gibt es diesmal nicht, die Soli sind songdienlicher und melodischer geworden, ein Qualitätsabfall ist nicht zu bemerken. So fällt das Fazit des Gitarristen auch positiv aus: »Es gibt nichts zu mäkeln, selbst die Plattenfirma ist hellauf begeistert.« Vielleicht auch, weil Pell seine Vorliebe für Mystisches diesmal zugunsten von greifbaren Themen fallen gelassen hat, getreu dem Titel »Sign Of The Times«. »Bis auf einige Standard-Pell-Texte über Beziehungen drehen sich die meisten Lyrics um das aktuelle Weltgeschehen, deshalb auch das Cover mit der Uhr, die auf zwei Minuten nach Mitternacht steht. Wir befinden uns in einer ziemlich gefährlichen Zeit. Ich meine nicht nur das Thema Klimawandel, sondern auch Religionskriege und die öffentliche Sicherheit.«

Die Texte dazu sind ihm vielleicht auch wegen der Neuausrichtung leichter von der Hand gegangen als sonst; ein weiteres Zeichen dafür, dass »Sign Of The Times« qualitativ eine runde Sache geworden ist. Man sieht, Axel Rudi Pell kann sich selbst und seine Fans doch noch überraschen. Ein besseres Geschenk zum anstehenden 60. Geburtstag gibt es sicherlich nicht.

Rezensionen

»Auf seinem 18. Studio-Album steht ihm weiterhin seine eingespielte Truppe unverändert und treu zur Seite. (…) Natürlich brilliert Pell aber wieder mit langen Gitarrensolos, lässt die Saiten mit viel Sustain glühen. Hier bekommt der Fan das, was er erwartet.« (Good Times, April / Mai 2020)

 

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